Erfahrungsbericht

Hallo, Hannelore,

ich schreibe dir diesen e-mail, weil ich mache mir Sorgen, dass es vielleicht ausgesehen hat, dass ich gestern nicht zufrieden war. Ganz im Gegenteil - es war alles perfekt; mir alles sehr gefallen hat. Ich will dir ... weiter lesen

Gäste aus dem Atelier

Aufenthalt im Februar 2018

"Morgens um 10 Uhr werde ich von Hannelore an der Pension Märchenbrunnen abgeholt und wir fahren ins Atelier, das sich in einem ruhigen Dresdner Stadtteil befindet. Ich habe das große XXL Trainingspaket zusammen mit einem Restaurantbesuch und einem Ausflug gebucht. Nach einem Vorgespräch bei einer Tasse Kaffee geht es dann mit der Typ- und Farbberatung los.

Ich werde zunächst von Hannelore eingekleidet. Wir testen verschiedene Outfits, wobei mir Hannelore von Kleidern abrät. Schließlich finden wir eine passende Kombination aus Top und Rock. Dazu gehört auch eine passende und auf die jahreszeitlichen Temperaturen angepasste Strumpfhose. Eine Damenjacke, eine Handtasche und modische Accessoires runden das Einkleiden ab; Pumps und eine warme Strickjacke hatte ich selbst mitgebracht.

Als nächstes geht es an die Auswahl einer Perücke. Wir testen eine Vielzahl von Perücken. Schließlich fallen eine dunkelbraune Langhaarperücke und eine blonde Kurzhaarperücke in die engere Wahl. Die Wahl fällt dann letztendlich auf die dunkelbraune Perücke. Derart ausgestattet macht Hannelore jetzt die ersten Bilder mit meinem Smartphone.

Es folgen ein Schminkkurs, ein Kurs über die Bewegung als Frau einschließlich Aufzeichnung und Kontrolle des Gehverhaltens, ein Kurs über Benimmregeln als Frau und eine Stilberatung. Alle Kurse sind essentiell wichtig und es ist von entscheidender Bedeutung, dass man die Kursinhalte ernst nimmt und in der Freizeit das Erlernte wiederholt und übt.

Inzwischen ist es 15:00 Uhr und es ist noch etwas Zeit bis zu dem vereinbarten Abendessen in einem griechischen Restaurant in Dresden. Wir entscheiden uns spontan für einen Bummel in der Dresdner Altstadt. Das ist aber leichter gesagt als getan, da die Altstadt wegen politischer Demonstrationen teilweise abgesperrt ist. Wir parken daher etwas entfernt und gehen zu Fuß in Richtung Frauenkirche und Brühlsche Terassen. Für mich ist dies einer der ersten längeren Spaziergänge als Frau.

Wir gehen belebte Strassen entlang und uns kommen viele Menschen entgegen. Niemand - wirklich niemand - interessiert sich für mich. Allerdings mache ich auch nicht den Fehler, mich umzudrehen. Während wir gehen korrigiert mich Hannelore desöfteren in Bezug auf Haltung, Gang und Handbewegungen und gibt mir diskret einige Korrekturanweisungen.

Kurz vor den Brühlschen Terassen passiert dann das Unvorhergesehene: Meine Strumpfhose beginnt zu rutschen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie unterhalb des Rocks zu sehen ist. Mehrere Versuche, dies an unbeobachteten Örtlichkeiten zu korrigieren, bringen nicht den gewünschten Erfolg.

Ich entscheide mich daher, eine Damentoilette aufzusuchen. In einer nahegelegenen Einkaufspassage und vorbei an vielen Polizisten und Demonstranten - die nicht nur friedlich miteinander umgehen - erreichen wir eine Toilettenanlage von Sanifair. Ich muss allein hineingehen, da mich Hannelore dorthin nicht begleiten kann.

Ich bin jetzt völlig auf mich gestellt und stelle mich in die Schlange vor den Kabinen an. Zu meiner Erleichterung schaut sich nur eine Dame, die vor mir steht, kurz nach mir um. Ihr Gesichtsausdruck ist aber eher von der Wartezeit geprägt, sie ist genervt, aber sie hat offensichtlich nichts an meinem Outfit und Benehmen auszusetzen.

Nach einigen Minuten, die mir wie eine Unendlichkeit vorkommen, kann ich in eine freie Kabine gehen und meine rutschende Strumpfhose (die schon gefährlich "durchhing") gegen eine nicht rutschende Ersatzstrumpfhose tauschen. Der Rückweg zu Hannelore, die vor der Anlage auf mich gewartet hatte, ist dann fast schon Routine. Ich bin unendlich erleichtert, dass die Sache gut gegangen ist. Ich weiß nicht, ob ich dies auch ohne den Unterricht von Hannelore geschafft hätte (eher nicht).

Wir gehen danach zu Hannelore's Auto, was etwa 1 km entfernt gestanden hat. Auf dem Weg in die Unterkunft meint Hannelore, dass die Strumpfhose vermutlich doch gehalten hätte. Mag sein, ich wollte es aber nicht darauf ankommen lassen. Das Ganze war ein Nervenkitzel der besonderen Art.

Am Abend holt mich Hannelore ab und wir fahren in ein nahegelegenes griechisches Restaurant zum Abendessen. Es verläuft alles unproblematisch. Am Anfang ist es dort recht laut - es ist Samstagabend - und später wird es ruhiger. Das Essen wird zügig gebracht und ist gut. Wir können am Nebentisch beobachten, wie eine sehr junge kleine Dame dabei ist, ihre Welt kennenzulernen, während sich Mama angeregt mit ihrer besten Freundin unterhält. Die Kommunikation mit dem kleinen Mädchen klappt mittels Handbewegungen gut und beide Seiten haben ihre Freude daran.

Nach der Rückkehr in die Pension wird mir klar, dass dies auch gleichzeitig meine erste Nacht als Frau in einem Behergungsbetrieb ist, da ich nahezu sämtliche männlichen Bekleidungsstücke bei Hannelore im Atelier gelassen habe. Dies ist im Märchenbrunnen kein Problem und am nächsten Morgen begrüßt mich die Inhaberin beim Frühstück in meiner weiblichen Beleidung und mit meinem weiblichen Vornamen in einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht.

An diesem Sonntagmorgen holt mich Hannelore wieder von der Pension ab und wir fahren erneut ins Atelier zum Schminken. Heute ist ein Ausflug in die Sächschische Schweiz zur Bastei vorgesehen. Ich folge Hannelore's Rat und ziehe mir zusätzlich Leggings an, was sich angesichts von niedrigen Temparaturen als sehr hilfreich herausgestellt hat.

Am Besucherparkplatz der Bastei angekommen ist zunächst ein längerer Fussweg angesagt, bis wir die berühmte Felsmauer erreichen. Die Ereignisse vom Vortag haben mir zusätzliche Sicherheit gegeben und mein Selbstbewußtsein gestärkt. Wir gehen die Wanderwege lang, die angesichts des Sonntags sehr stark von Ausflüglern und Touristen frequentiert sind. An einer schönen Stelle mit Panoramablick auf das Elbtal und die Festung Königstein macht Hannelore erneut eine Fotoserie von mir.

Auf dem Rückweg machen wir noch einen Zwischenstopp in der Stadt Pirna mit ihrem historischen Stadtkern. Der Besucherandrang hält sich hier in Grenzen und es bleibt mehr Zeit, sich die alten und restaurierten Gebäude und Schaufensterauslagen anzuschauen.

Inzwischen ist es Nachmittag geworden und Hannelore fährt mich in die Pension Märchenbrunnen zurück.

Dort verabschieden wir uns und ich darf meine neue Bekleidung zunächst anbehalten. Hannelore wird sie am nächsten Tag dort abholen. Da es noch hell ist, mache ich alleine einen Spaziergang durch den Dresdner Vorort Lockwitz.

Ich lasse den Tag in der Pension Märchenbrunnen ausklingen und ziehe ein Resumé. Ich habe nette Menschen kennengelernt und ein interessantes und abwechsungsreiches Wochende in einer schönen Umgebung verbracht. Ich habe viel - auch über mich selbst - gelernt und konnte und musste das Gelernte auch anwenden. Ich nehme mir vor, dass dies nicht das letzte Mal sein soll, wo ich die Angebote des Atelier Changeable in Anspruch nehmen werde."

Viele liebe Grüße aus dem sommerlichen Bad Homburg
Annette